1880 kam auf 55 Einwohner eine Wirtschaft: So hat sich die Gastro-Szene im Laufe der Jahre verändert
Als Hauptort der ehemaligen Landgrafschaft Nellenburg gab es in Stockach früher unzählige Gasthäuser. Inzwischen hat sich die Zahl - vor allem im Vergleich zur Anwohnerzahl - deutlich reduziert.

Die Stockacher Gastronomieszene ist im Wandel. Doch ein Blick in die Vergangenheit zeigt, dass das schon früher der Fall war. Zahlreiche Wirtschaften, die einst wichtige Treffpunkte waren, sind längst Geschichte. Andere verschwinden nach und nach aus dem Stadtbild. Dabei warStockacheinmal reich an Gasthäusern. Im Jahr 2012 war den Stockacher Gasthäusern und Brauereien sowie denen der Ortsteile sogar eine Ausstellung im Stadtmuseum gewidmet. Deren Geschichte behandelte die damalige Stockacher Museums- und Archivleiterin Yvonne Istas im Katalog zur Ausstellung namens „Wein auf Bier, das rat ich dir?“Früher eine hohe Dichte an Gasthäusern in StockachStockach hatte als Hauptort der ehemaligen Landgrafschaft Nellenburg eine hohe Dichte an Gasthäusern, was auch mit seiner Bedeutung als Verkehrsknotenpunkt zusammenhing. Schon Urkunden des 16. Jahrhunderts belegen den Ausschank (1528) und Anbau (1562) von Wein in Stockach. Bis zum Verbot 1817 gab es auch Besenwirtschaften, die eigenen Wein ausschenkten. Für die 1620er-Jahre ist erstmals der Ausschank von Bier in Stockach dokumentiert sowie ein Biersieder, also Brauer. Im 19. Jahrhundert stieg die Zahl der Brauereien und Gasthäuser stetig an. Sind für 1815 drei Brauereien in Stockach nachgewiesen, waren es 1858 schon stolze 13. Im Jahr 1880 berichtet das Badische Bezirksamt, dass Stockach mit 37 Gasthäusern bei 2038 Einwohnern prozentual wohl an der Spitze aller badischen Städte stünde: Auf 55 Einwohner kam eine Wirtschaft. Die Imbisstube Willi Müller in der Radolfzeller Straße 5 mit Fasnachtsdekoration. Foto: Stadtarchiv Stockach, R2 Fotoarchiv Hotz GP 700In den ältesten Ratsprotokollen ab 1615 tauchen als Tavernen der Löwen neben der Kirche auf und damals noch auf der gleichen Straßenseite die Krone und der direkt daneben befindliche Adler, außerdem das untere Wirtshaus. Ebenfalls schon im 17. Jahrhundert gab es laut Hans Wagners Stadtgeschichte „Aus Stockachs Vergangenheit“ die Wirtschaft im Schützenhaus und das Weiße Kreuz zwischen heutiger Hauptstraße, Pfarrstraße und Marktplatz. Oft verdanken wir die frühe Erwähnung von Wirtschaften Streitigkeiten zwischen den Wirten oder Regelverstößen. Der Stadtplan von Johann Jacob Heber aus dem Jahr 1721 kennt auch den Grünen Baum am Fuß der Kirchhalde. 1770 wurde er vor das obere Tor verlegt (Hauptstraße 35), wie schon die Krone 1732 die Straßenseite wechselte, wovon eine kleine Krone auf dem Honoldhaus und die angrenzende Kronengasse noch heute belegen. Einige Wirtschaften führten keinen NamenEine Liste von 1835 nennt neben den schon genannten Lokalen eine Badwirtschaft in der Aachenvorstadt und die Wirtschaft Stadt Wien (Mattes) in der heutigen Zoznegger Straße. Außerdem sechs Brauereien mit Ausschank und 14 weitere Wirtschaften, welche aber alle kein Schild und Namen führten. Einige davon existierten jedoch längere Zeit und erhielten später einen Namen, so das Deutsche Haus (Hauptstraße 13), das Bürgerliche Brauhaus (Kaufhausstraße), die Linde, die Restauration Pfeiffer, der Wilde Mann (Aachenstraße 1) oder die Weinstube Bohl (später Badischer Hof). Der Gastraum der Wirtschaft Hans Kuony, heute Geschäftsstelle des SÜDKURIER. Foto: Stadtarchiv Stockach, R2 Fotoarchiv Hotz GP 759Es gibt noch viele weitere durch Akten oder Bilder dokumentierte Lokale. So war unter anderem das heutige Bürgerhaus Adler Post in der Hauptstraße früher eine Wirtschaft. Dokumentiert sind aber auch das Bahnhofhotel Lohr, die Blume, das Café Wolf, das Dörfle (Zoznegger Straße 21), das Eiscafé Europa, die Fortuna, Gambrinus (heute Helena), die Germania (Hauptstraße 21), der Goldene Ochsen (Braun), der Grüne Berg, Hans Kuony (die heutige SÜDKURIER-Redaktion), die Heimat (Radolfzeller Str. 61), die Insel, die Imbisstube Willi Müller, die Jägerstuben (Goethestraße 21) und dieLinde, die zuletzt das Indien Mirchi beherbergte,das im Frühjahr wegen dem Abriss des Gebäudes umziehen musste. Dort soll ein Hotel entstehen. Doch damit nicht genug. Dokumente und Bilder weisen auch auf das Café Lutz, die Nellenburg, das Paradies (Radolfzeller Straße 36), das Café Pfeiffer, das Posthörnle, das Café Rebstock (Untere Walke), das Café Reitinger, die Restauration Rinkenburger, die Schwarze Kappe, das Restaurant Stengele (Marktplatz 3), den Spitzgarten (Stadtwall 7), den Storchen (Pfarrstraße), das Waldhorn (Rißtorf), die Weinhandlung und Restaurant Schmid (Hauptstraße 41), die Weinstube zum Küfer (Aachbachstr. 12), das Café Siegfried Wolf und den Württembergen Hof hin. Zusätzliche Angebote nötig, um sich von Konkurrenz abzuhebenEinige der genannten Adressen fungierten auch als Hotel oder Pension. Teils verfügten sie über Besonderheiten, um sich von der Konkurrenz abzuheben, beispielsweise eine Kegelbahn, Billard oder einen Mittagstisch mit oder ohne Abonnement. Andere waren traditionelle Anlaufstellen an der Fasnacht oder langjährige Heimat von Vereinen oder Stammtischen. Das Restaurant zur Insel in der Aachenstraße 37, betrieben von den Gebrüdern MeßmerFoto: Stadtarchiv Stockach, R2 Fotoarchiv Hotz GP 96:Wirtschaften waren früher wie Kirchen wichtige Treffpunkte, mehr als heute, wo sich vieles ins Private verlagert hat. Die Bedürfnisse aber auch Möglichkeiten der Menschen haben sich geändert und Lokale mussten und müssen sich immer wieder neu erfinden. Weil der Standort nicht mehr möglich ist, wie einst beim Wechsel von der Nellenburg zur Nellenburger Talstation oder zuletzt beim Indien Mirchi, der die Linde verlassen musste, oder weil sich das Interesse und Verhalten der Kunden geändert hat. Neue kulinarische Genüsse aus anderen Ländern kamen hinzu und man darf gespannt sein, wie sich die Gastronomieszene in Stockach weiter verändern wird. Spuren im ArchivIm Stadtarchiv Stockach und im Kreisarchiv Konstanz gibt es Akten zu zahlreichen Wirtschaften. Sie enthalten meistens die Konzessionen, verbunden mit entsprechenden Auflagen, außerdem Regelverstöße. Auch die Betreiberwechsel lassen sich dadurch gut dokumentieren. Weitere Hinweise finden sich in alten Plänen, Güterbeschrieben, Ratsprotokollen oder Zeitungen, aber auch in Einwohner- und Adressbüchern. Im städtischen Bildarchiv, aber besonders im Fotoarchiv Hotz gibt es viele Außen- und Innenansichten von Restaurants, manche hatten sogar eigene Postkarten.