Deutschlands Wirtschaft steht auf dem „Standstreifen“ – Verbände erhöhen Druck auf Merz-Regierung
Fehmarnsches TageblattWirtschaftStand:29. 07. 2026, 08:40 UhrKommentareArbeitgeberpräsident Rainer Dulger warnt vor einem verlorenen Jahrzehnt für die deutsche Wirtschaft. Auch der BDI fordert weitere. . .

Fehmarnsches TageblattWirtschaftStand:29. 07. 2026, 08:40 UhrKommentareArbeitgeberpräsident Rainer Dulger warnt vor einem verlorenen Jahrzehnt für die deutsche Wirtschaft. Auch der BDI fordert weitere Reformen. München – Deutschlands Wirtschaftsverbände haben die Bundesregierung zu tiefgreifenden Reformen aufgefordert. Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger warnt vor einem „verlorenen Jahrzehnt“ für die deutsche Wirtschaft. Das letzte starke Wirtschaftsjahr sei 2019 gewesen. Seitdem stagniere Deutschland – während die internationale Konkurrenz weiterfahre. „Dieses Jahrzehnt ist von Rezession und Stagnation geprägt“, sagte Dulger der Deutschen Presse-Agentur. „Das letzte große Geschäftsjahr der deutschen Wirtschaft war 2019, seitdem verwalten wir den Rückstand. “Der Präsident der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände formulierte es drastisch: „Unsere Wettbewerber müssen gar nichts besonders gut machen – es reicht, dass sie weiterfahren, während wir auf dem Standstreifen stehen. “Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger: Die Wirtschaftsverbände fordern von der Bundesregierung weitere Reformen gegen hohe Kosten, Bürokratie und Standortprobleme. © Sebastian Gollnow/dpaArbeitgeberpräsident warnt vor verlorenem JahrzehntDiedeutsche Wirtschaft befindet sich in einer anhaltenden Schwächephase. Die Bundesregierung hat ihre Konjunkturprognose zuletzt gesenkt. Für 2026 erwartet sie nur noch ein Wachstum von 0,5 Prozent. Für 2027 werden 0,9 Prozent prognostiziert. Als Grund nennt die Regierung den Iran-Krieg. Dieser hat die Öl- und Gaspreise stark steigen lassen. Dulger benannte die strukturellen Probleme klar. „Zu hohe Abgaben, zu hohe Energiekosten, zu viel Bürokratie, dazu eine Infrastruktur aus dem vergangenen Jahrhundert – das ist der Zustand des Standorts“, sagte er. Die Bürokratie koste die Wirtschaft 146 Milliarden Euro im Jahr. Zudem floss 2025 fast jeder dritte Euro der deutschen Wirtschaftsleistung in den Sozialstaat. „Nach Angaben des Bundesarbeitsministeriums 1,4 Billionen Euro“, so Dulger. Wirtschaftsverbände klagen über BürokratieWirtschaftsverbände klagen seit Jahren über Standortnachteile. Steigende Sozialabgaben, hohe Energiepreise und überbordende Bürokratie stehen dabei im Mittelpunkt. Aus Brüssel kämen Vorgaben, sagte Dulger. „In deutschen Amtsstuben werden sie mit bürokratischem Ehrgeiz umgesetzt. “ Die schwarz-rote Koalition hat Anfang Juli 2026 ein Reformpaket beschlossen. Geplant sind Maßnahmen zum Abbau von Bürokratie sowie zur Stabilisierung der Sozialabgaben. Steuerzahler sollen entlastet werden. Zukunftsbranchen sollen Förderung erhalten. Bereits beschlossen ist ein Sparpaket bei der gesetzlichen Krankenversicherung. Dulger begrüßt Kurswechsel der BundesregierungDulger begrüßte das Paket grundsätzlich. „Das Reformpaket ist ein Kurswechsel, deshalb begrüße ich es“, sagte er. Zugleich mahnte er: „Wir hatten sieben Jahre Stagnation, während unsere Wettbewerber gute Jahre hatten. Diesen Abstand holt kein Beschluss in einer Sitzungsnacht auf. “Deutschland brauche einen massiven Umbau. Das werde ein Jahrzehnt Arbeit kosten – und ein Jahrzehnt sei bereits verloren. BDI fordert weitere EntlastungsschritteAuch BDI-Hauptgeschäftsführerin Tanja Gönner begrüßte das Reformpaket mit Einschränkungen. Der BDI sehe, dass die Bundesregierung nun in die Umsetzung komme. „Aber dabei darf es nicht bleiben: Vertrauen in den Standort entsteht erst, wenn weitere Entlastungsschritte bei Steuern, Bürokratie, Energie- und Infrastrukturkosten folgen und spürbar in den Unternehmen ankommen“, sagte Gönner. Dulger richtet Erwartungen an MerzArbeitgeberpräsident Dulger richtete deutliche Worte an BundeskanzlerFriedrich Merz. Er erwarte, dass die Bundesregierung den Menschen erkläre, wohin das Land steuere. Reformen müssten kommuniziert werden. „Wir reformieren die sozialen Sicherungssysteme nicht, um sie zu schleifen, sondern um sie zu behalten. Wer das nicht erklärt, darf sich über Widerstand nicht wundern“, sagte Dulger. Unternehmen verlieren Vertrauen in den StandortGönner warnte vor den Folgen ausbleibender Investitionen. Bei Unternehmen sei schleichend Vertrauen in die Politik verloren gegangen. Bereits unter der Vorgängerregierung habe es ein Wirtschaftsprogramm gegeben. „Von dem nichts umgesetzt wurde, weil die Regierung dann im Herbst zerbrach“, sagte Gönner. Viele Unternehmen hätten seitdem gewartet. „Eigentlich würden sie gern hier investieren. “Investitionen könnten ins Ausland abwandernDie Konsequenz sei klar, so Gönner: „Wenn die nächste Investition im Ausland erfolgt, wird dort die Produktion hochgefahren und nicht in Deutschland. Hier bleiben dann bestenfalls noch Erhaltungsinvestitionen, aber keine Neuinvestitionen. “Auf die Frage,ob die Industrie selbst Fehler gemacht habe, antwortete Gönner selbstkritisch: „Vielleicht haben wir deshalb manche Signale erst spät erkannt. Ich vermute, wir waren nicht früh genug im Fitnessstudio – oder haben zu spät gemerkt, dass wir überhaupt hinmüssen. “(Verwendete Quelle: dpa) (mare)