Jetzt kann Griechenland Wirtschaft besser als Deutschland
Griechenland zahlt Rettungskredite vorzeitig zurück, während Deutschland neue Schulden plant. Was Berlin von Athen lernen kann. Es gibt Nachrichten, die zum Höhepunkt der Staatsschuldenkrise vor 15 Jahren. . .
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Griechenland zahlt Rettungskredite vorzeitig zurück, während Deutschland neue Schulden plant. Was Berlin von Athen lernen kann. Es gibt Nachrichten, die zum Höhepunkt der Staatsschuldenkrise vor 15 Jahren niemand in Berlin für möglich gehalten hätte. Das hier ist so eine: Griechenland zahlt seine Schulden zurückund zwar nicht irgendwann und nicht nach Plan, sondern jetzt und schneller als es vereinbart war. Der einstige Krisenstaat will weitere Milliarden Euro aus dem ersten Euro-Rettungspaket früher tilgen als vereinbart. Deutschland gehört zu den größten Empfängern dieser Rückzahlungen und debattiert derweilen über neue Schulden, während sich Griechenland zum Musterschüler in Sachen Haushaltsdisziplin entwickelt. Wer die Jahre der Eurokrisenoch präsent hat, reibt sich verwundert die Augen: 2012 galt Griechenland als Synonym für Staatsversagen. Politiker wie der damalige deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble diskutierten offen über einen Rauswurf des Landes aus der Eurozone. Ratingagenturen stuften griechische Staatsanleihen auf Ramschniveau herab. In Deutschland wurde Griechenland zum politischen Reizwort. Griechenland war ein ReizwortHeute sieht die Lage so aus: Die griechische Schuldenquote lag 2020 auf dem Höhepunkt der Pandemie bei mehr als 209 Prozent der Wirtschaftsleistung. Ende 2025 werden es nach Schätzungen der Europäischen Kommission noch rund 146 Prozent sein. Das ist immer noch viel. Aber der Rückgang um mehr als 60 Prozentpunkte ist derstärkste Schuldenabbau in der Europäischen Union. ANZEIGEANZEIGEWährend Griechenland seine Verschuldung Jahr für Jahr reduziert und damit seine Zinszahlungen unter Kontrolle hat, bewegen sich andere große Volkswirtschaften in die entgegengesetzte Richtung. Frankreichliegt inzwischen bei deutlich über 110 Prozent Staatsverschuldung gemessen an der Wirtschaftsleistung. Deutschlandnähert sich wieder der Marke von 70 Prozent. UndItaliendürfte Griechenland schon bald als Spitzenreiter der europäischen Schuldenliga ablösen. Die EU-Kommission erwartet für Italien bis 2027 eine Schuldenquote von rund 139 Prozent,währendGriechenlandauf etwa 134 Prozent zurückfallen könnte. Der einstige Problemfall wird damit schneller gesund als gedacht, während viele seiner früheren Mahner selbst zum Problemfall werden. Die einstigen Mahner sind heute die ProblemfälleDer Erfolg nicht das Ergebnis eines einzelnen Sparprogramms. Griechenland hat etwas getan, das in Europa oft gefordert, aber selten konsequent umgesetzt wird: Es hat Reformen und Haushaltsdisziplin miteinander verbunden. Die Regierung erzielte hohe Primärüberschüsse, nahm also ohne Berücksichtigung der Zinszahlungen mehr ein, als sie ausgab. Gleichzeitig wurde die Verwaltung digitalisiert. Über die Plattform „gov. gr“ laufen heute Tausende Behördendienstleistungen elektronisch. Die Steuerverwaltung wurde modernisiert, Steuerhinterziehung konsequenter verfolgt und die Erfassung wirtschaftlicher Aktivitäten verbessert. Hinzu kamen Investitionen aus europäischen Wiederaufbauprogrammen. Das Geld floss nicht in Sozialleistungen, sondern auch in Infrastruktur, Digitalisierung und die Modernisierung der Wirtschaft. Griechenland hat also nicht nur gespart, es hat sich auch modernisiert. Die Finanzmärkte haben das inzwischen registriert. Die Ratingagentur Moody’s hob Griechenland in diesem Jahr wieder in die Gruppe der kreditwürdigen Staaten an. Moody`s begründete den Schritt mit einer „schnelleren Verbesserung der Staatsfinanzen als erwartet“. Der griechische Ministerpräsident Kyriakos Mitsotakis nahm da als Ansporn: „Wir bleiben fest entschlossen, Reformen voranzutreiben, Investitionen anzuziehen, Arbeitsplätze zu schaffen und dauerhaftes Wachstum zu ermöglichen. “ Auch die Bonitätswächter von Fitch würdigte das „starke Bekenntnis der Regierung zu einer disziplinierten Haushaltspolitik“. Starkes Bekenntnis zur HaushaltsdisziplinGrößter Nutznießer der vorzeitig zurückgezahlten Kredite ist zunächst Deutschland, als Hauptgläubiger. Die zurückgezahlten Milliarden landen nicht direkt im Bundeshaushalt. Deutschlands Anteil an den Griechenland-Hilfen war damals über die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) abgewickelt worden. Die Rückzahlungen reduzieren jetzt die offenen Forderungen der Förderbank und verringern die Risiken, für die letztlich der Bund garantiert. Der Effekt ist nicht spektakulär, aber real. Die KfW wird bilanziell entlastet. Der Refinanzierungsbedarf sinkt. Risiken aus der Eurorettung verschwinden Schritt für Schritt aus den Büchern. Das Geld steht nicht plötzlich für neue Autobahnen oder Steuersenkungen zur Verfügung. Aber Deutschland erhält früher zurück, was viele längst abgeschrieben hatten. Die Griechen machen ihre HausaufgabenDoch es gibt noch einen zweiten Effekt, einen politischen: Während in Berlin über neue Sondervermögen, höhere Schulden und zusätzliche Kreditspielräume so diskutiert wird, dass sich die viel bemühte schwäbische Hausfrau mit Grauen abwendet, demonstriert Griechenland, wie man aus einer Schuldenkrise herauskommt: nicht durch einen einzelnen Kraftakt, sondern durch die Kombination aus Wachstum, Reformen und fiskalischer Disziplin. Die griechische Hausfrau wirtschaftet offenbar besser als die schwäbische. Natürlich lassen sich Deutschland und Griechenland nicht eins zu eins vergleichen. Deutschland musste nie unter Aufsicht internationaler Geldgeber stehen. Die sozialen Verwerfungen der griechischen Krise waren enorm. Millionen Menschen zahlten einen hohen Preis für die Fehler früherer Regierungen. Aber dort entstand in den vergangenen Jahren etwas, das in Europa selten geworden ist: die Bereitschaft, Reformen tatsächlich umzusetzen. Griechenland zahlt Rettungskredite vorzeitig zurückVor 15 Jahren war Griechenland das Sorgenkind Europas. Heute zahlt das Land Rettungskredite vorzeitig zurück, gewinnt das Vertrauen der Finanzmärkte zurück und verliert bald den Titel des höchstverschuldeten Landes der Europäischen Union an Italien. Der frühere Sitzenbleiber hat seine Hausaufgaben gemacht. Und einige Länder, die damals die Noten verteilt haben, fragen sich, was sie von den Griechen lernen können.