FinanzenBlatt

Trotz Öl-Milliarden: Wirtschaft in Russland stagniert

Foto: AiArtgenerater - Freepik. comDie Wirtschaft in Russland stagniert trotz hoher Öl-Gewinne: Steigende Kosten belasten Firmen, Insolvenzen nehmen zu und das Haushaltsdefizit zwingt die Regierung zu. . .

Von @finanzmarktwelt · · 6 min Lesezeit

Trotz Öl-Milliarden: Wirtschaft in Russland stagniert

Foto: AiArtgenerater - Freepik. comDie Wirtschaft in Russland stagniert trotz hoher Öl-Gewinne: Steigende Kosten belasten Firmen, Insolvenzen nehmen zu und das Haushaltsdefizit zwingt die Regierung zu Notmaßnahmen. Trotz Öl-Milliarden: Wirtschaft in Russland stagniertTrotz der höchsten Einnahmen durch den Verkauf von Öl und Gas im Mai hat die russische Wirtschaft davon kaum profitiert. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) verlangsamte seine Erholung der Vormonate und stieg nur nochum 0,3 Prozentim Vergleich zum Vorjahr. Im ersten Quartal diesen Jahres schrumpfte das BIP sogarum 0,2 Prozentim Jahresvergleich. Iran-Krieg: Steigende Einnahmen für den Staat – höhere Kosten für UnternehmenNach Angaben des russischen Finanzministeriums betrugen die Brutto-Einnahmen durch den Export von Öl und Gas im Mai 1,014,3 Milliarden Rubel, nach 916,7 Milliarden im April. Im Juni sanken die Erlöse auf 968,5 Milliarden Rubel. Begünstigt wurden diese gesteigerten Zuflüsse in den Staatshaushalt durch die Schließung der Straße von Hormus und die damit verbundenen höheren Preise von fossilen Energieträgern. Gleichzeitig verursachte dies auch Preissteigerungen, die vor allem die Unternehmen trafen. Die höheren Energiepreise belasteten allerdings gleichzeitig die russische Wirtschaft über steigende Produktionskosten. Der Erzeugerpreisindex (PPI)stiegim Gefolge des Iran-Krieges im März um 2,0, im April um 6,1 und im Mai um 2,5 Prozent, während die Verbraucherpreise (CPI) im März nur um 0,6 Prozent, im April um 0,1 Prozent und zuletzt um 0,9 Prozent stiegen. Die Unternehmen können also die Kostensteigerungen nicht im selben Maße an die Verbraucher weitergeben, was deren Margen drückt. Als Folge zeigt sich ein zunehmend fragmentierter Zustand der russischen Wirtschaft. Die einzigen Sektoren, die nach den offiziellen Zahlen weiter wachsen, sind die öffentliche Verwaltung und die Verteidigungsindustrie. Durch die Umgestaltung der Besteuerung von Öl und Gas von einer Export- zu einer Produktionssteuer, steigerte der Staat seine Einnahmen, die er in die Rüstungsindustrie steckt, um den Krieg gegen die Ukraine zu forcieren. Zudem drängte die Regierung die Banken dazu, Rüstungsunternehmen vergünstigte Kredite zur Verfügung zu stellen. Da aber die Zinsen, zu denen sich die Banken refinanzieren müssen deutlich höher sind, als die, zu denen sie Geld verliehen haben, schlummern in den Büchern der russischen Banken beträchtliche Risiken. Steigende Firmeninsolvenzen belasten russische RealwirtschaftZudem steigen auch die notleidende Kredite von Unternehmen. Sie machenmittlerweile 11 Prozentdes Portfolios der Banken aus oder etwa 10,4 Billionen Rubel. Die Folgen kommen langsam in der Realwirtschaft in Form von Insolvenzen an. Die Konkurse von Einzelunternehmern stiegen im ersten Quartal diesen Jahresum 29 Prozentgegenüber dem gleichen Zeitraum des letzten Jahres. Besonders deutlich werden die Bremsspuren in der Wirtschaft bei den Anlageinvestitionen, die im ersten Quartal des Jahres um 14,3 Prozent gesunken sind. Die russische Industrie veraltet also zusehends, wird damit immer weniger konkurrenzfähig und die Produktivität sind. Auch die Verschuldung und Insolvenzen von Privatpersonen nehmen zu, obwohl die Löhne um 9 Prozent im Jahresvergleich wachsen, steigt ebenso die Verschuldung und die Konkurse der Privathaushalte. Auch hier zeigt sich die Zweiteilung der russischen Wirtschaft, denn die Unternehmen zahlen deutlich höhere Gehälter als ihre zivilen Marktteilnehmer. Diese müssen aber trotzdem Lohnsteigerungen zustimmen, die über ihren Gewinnen liegen. Denn diese sind im ersten Quartal um 26 Prozent gesunken. Mittlerweile arbeiten 37 Prozent aller Unternehmen defizitär. Auf der anderen Seite werden die höheren Gehälter zum großen Teil von der Inflation von zuletzt 6 Prozent aufgefressen. Die Folge ist, dass auch die Verschuldung der Privathaushalte zunimmt. Im ersten Quartal erklärten russische Gerichte137. 500 Privatpersonenfür insolvent, 13,7 Prozent mehr als in Q1 des letzten Jahres. Die Verschuldung der Haushalte belieft sich Ende letzten Jahres auf 38,67 Billionen Rubel (rund 440 Milliarden Euro), davon mehr als 2,4 Billionen Rubel (ca. 27 Milliarden Euro) notleidend. Im internationalen Vergleich bleibt die Quote mit rund 22 Prozent des BIP formal niedrig, doch die Zuwachsrate der faulen Kredite beschleunigt sich. Mehr als 13 Millionen Russen haben gleichzeitig mindestens drei Kredite, die sie gleichzeitig bedienen müssen. Jeder zusätzliche Kredit erhöht laut dem russischen Inkassoverband NAPCA das Insolvenzrisiko um 20 bis 25 Prozent. Russland: Keine Entlastung für den StaatshaushaltDie gestiegenen Einnahmen des Staates aus der Förderung von Öl und Gas hat aber auch nicht zu einer Entlastung des Haushaltes geführt. Denn sie brachen um 22,7 Prozent im Vergleich zum Vorjahr ein. Das Haushaltsdefizit belief sich im ersten Halbjahrauf 5,73 Billionen Rubel(ca. 65 Milliarden Euro) und beträgt damit schon jetzt das 1,5-Fache des gesamten Jahresziels. Täglich müssen aus dem National Wealth Fund etwa 12,8 Milliarden Rubel (ca. 145 Millionen Euro) entnommen werden, um die Lücke zum Haushalt zu schließen. Dadurch sanken die liquiden Mittel des Fonds von 6,5 Prozent des BIPs vor dem Krieg auf jetzt 1,5 Prozent. Zusammensetzung des russischen Haushalts; Quelle:Janis KlugeDie Regierung unter Premierminister Michail Mischustin hat darauf reagiert, indem er vom Parlament ein Änderungsgesetz zum Haushaltskodexbeschließen ließ. Das Kabinett darf nun die geplanten Ausgaben von 44,1 Billionen Rubel (ca. 501 Milliarden Euro) ohne parlamentarische Zustimmung überschreiten, ohne die zusätzlichen Mittel öffentlich offenlegen zu müssen. Zweitens kann das Finanzministerium die gesetzliche Schuldenobergrenze für die Inlandsverschuldung ignorieren und die Kredite in unbegrenzter Höhe aufnehmen, ebenfalls ohne die Duma zu unterrichten. Drittens dürfen Regionen mit Liquiditätsengpässen Bundeskredite zu einem Symbolzins von 0,1 Prozent abrufen und müssen ein Drittel ihrer Haushaltsdarlehen bis 2030 nicht zurückzahlen. Diese Mittel sind explizit dazu gedacht, den Krieg zu finanzieren und stehen primär nicht für zivile Wirtschaftsförderung oder sozialen Projekten, wie Wohnungsbau oder Versorgungsdienstleistungen zur Verfügung. Trotz des Iran-Krieges, der Russland durch höhere Öl- und Gaspreise vorübergehend steigende Staatseinnahmen bescherte, reichen diese inzwischen nicht mehr aus, um die rasant steigenden Kriegskosten zu decken. Die westlichen Sanktionen erhöhen damit den finanziellen Druck auf den Kreml, obwohl die Exporterlöse zuletzt wieder anzogen. Gleichzeitig konzentriert die Regierung ihre knapper werdenden Mittel immer stärker auf die Finanzierung des Krieges. Während die Rüstungsindustrie und ihre Beschäftigten davon profitieren, geraten der zivile Teil der Wirtschaft und große Teile der Bevölkerung zunehmendunter Druck. Die hier dargestellten Zahlen markieren zudem den Ausgangspunkt vor den ukrainischen Drohnen- und Raketenangriffen auf die russische Infrastruktur, die seit Ende Juni drastisch zugenommen haben. Deren wirtschaftliche Folgen spiegeln sich in den vorliegenden Daten noch nicht wider. Über den RedakteurDói EnnosonChina-ExperteDói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte. Kommentare lesen und schreiben, hier klicken

Quelle: finanzmarktwelt.de

Mehr zu Wirtschaft