Zuerst zu wenig Öl und jetzt zu viel?
Der Ölpreis ist nach einem starken Preisanstieg nun wieder dramatisch gefallen. Die Opec+ will ihre Fördermenge erhöhen – und plötzlich ist von einem Überangebot auf dem Weltmarkt die Rede.
Ende Februar hielt die Welt den Atem an – nicht nur, weil die kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den USA und dem Iran die ganze Golfregion in Mitleidenschaft gezogen haben. Sondern auch, weil die Straße von Hormuz nicht mehr passierbar war und den Ölmarkt in einem noch nie dagewesenen Ausmaß ins Wanken brachte. Immerhin wird (in normalen Zeiten) ein Fünftel der globalen Rohölmenge über das Nadelöhr verschifft. Was folgte, war ein rasanter Anstieg der Ölpreise auf rund 110 Dollar je Fass. Kaum vier Monate später ist der Ölpreis nun ziemlich genau da, wo er kurz vor Kriegsausbruch war, nämlich bei rund 72 Dollar. Binnen eines Monats ist der Preis damit um gut ein Fünftel gefallen, seit seinem Jahreshoch gar um fast 40 Prozent. Plötzlich herrscht außerdem die Sorge vor einem globalen Überangebot auf dem Markt. Inmitten dieser Gemengelage hat das Ölkartell Opec+ am Sonntag dennoch beschlossen, seine Fördermengen ab August zu erhöhen. Doch welche Folgen hat das?China bleibt zurückhaltendZunächst einmal erhöht die Opec+ ihre Fördermengen schon seit geraumer Zeit, zwischen April und Juli um fast 800. 000 Barrel pro Tag. Da die Straße von Hormuz jedoch nicht befahrbar war, landete nur ein Teil der Menge auf dem Weltmarkt. Zwar hat etwa Saudi-Arabien die Möglichkeit, sein Öl über die Ost-West-Pipeline ans Rote Meer zu transportieren, doch das Königreich ist eben nur eines von vielen Mitgliedern des Ölkartells, dessen gesamte Produktion im Mai auf 33,13 Millionen Barrel pro Tag fiel, nach 42,77 Millionen im Februar. Nun geht die Öffnung der wichtigen Meerenge aber deutlich schneller voran als gedacht. Die Saudis und auch die Vereinigten Arabischen Emirate (die im Mai aus der Opec ausgetreten sind) konnten ihre Exporte schon wieder nahe an ihr Vorkriegsniveau bringen und auch die USA haben in den vergangenen Monaten deutlich mehr Öl aus ihren strategischen Reserven zur Verfügung gestellt. Iranisches Öl kann nach Ausnahmegenehmigungen seitens der Vereinigten Staaten ebenfalls wieder gekauft werden (auch wenn sich das Land schwer tut, Abnehmer zu finden). Mehr dazuGleichzeitig hat China, der global größte Importeur von Rohöl, seine Käufe in den vergangenen Monaten um rund fünf Millionen Barrel pro Tag heruntergefahren, und das ganz ohne Probleme. Das Land sitzt nämlich nicht nur auf großen Lagerbeständen, sondern kann auch auf zahlreiche andere Energieträger zurückgreifen. Erst kürzlich verwies Wang Hongzhi, Direktor der Nationalen Energiebehörde Chinas, auf die Widerstandsfähigkeit des nationalen Energiesystems, das dem Druck der vergangenen Monate standgehalten habe. Nach wie vor scheint der Ölhunger der Volksrepublik begrenzt zu sein. Denn die Barrel aus Hormuz hätten zwar zunehmend nur noch China als Ziel, sagt Natasha Kaneva, Rohstoffchefin von JPMorgan Chase. „Aber China kauft nicht. “Der Weltmarkt steht nun also „vor dem Risiko eines vorübergehenden Überangebots“, weil „blockiertes Öl in ein System zurückkehrt, das monatelang gelernt hat, ohne diese Mengen zu funktionieren“, sagt Kaneva. „Eine Ölwelle steht kurz davor, auf den Markt zu kommen“, lautet ihr Fazit. Die US-Bank Morgan Stanley hat sich deshalb bereits dazu veranlasst gesehen, ihre Ölpreisprognose für das heurige Jahr zwei Mal innerhalb kurzer Zeit zu senken. Für das dritte und vierte Quartal dieses Jahres erwartet man einen Preis von durchschnittlich 75 Dollar für kurzfristig lieferbares Öl. Für Ende 2027 wird mit 70 Dollar je Fass gerechnet. Treibstoffmarkt angespanntFür die Mitglieder der Opec+ kann ein zu niedriger Preis zur Herausforderung werden. Statt Produktionsmengen zu erhöhen, könnten die ölreichen Staaten also bald wieder zu einer Förderbegrenzung übergehen müssen. Doch muss man die Lage freilich abwarten. Möglicherweise zieht die globale Nachfrage nämlich wieder an. Der Angebotsschub aus Hormuz könnte sich nach einiger Zeit wieder eingespielt haben und auch die Staaten, die Öl aus ihren strategischen Reserven freigegeben haben, werden wieder damit beginnen, ihre Lager aufzufüllen. Fraglich ist auch, wie lange sich China mit Ölimporten zurückhalten wird. Anders als die Rohölpreise bleiben die Treibstoffpreise nach wie vor angespannt. Benzin und Diesel würden weiterhin zu Preisen gehandelt, als läge Rohöl bei 95 bis 100 Dollar je Barrel, sagt TotalEnergies-Chef Patrick Pouyanné. Bis sich der Markt wieder ausbalanciere, werde es wohl drei bis vier Monate dauern.